Hafenstadt

Da waren wir nun. Im Süden Myanmars. In der Hafenstadt.

 

Ich gebe zu, als selbst Einwohner einer Hafenstadt hatte ich andere Vorstellungen von diesem Hafen in Dawei. Ich hatte viele Boote vor Augen, fast schon Schiffe. In meinem Kopf gab es Piers. Zwar sehr einfache und vermutlich sehr schmutzige, aber es gab Piers.

Die harte Wahrheit ist, dass es in dieser Stadt nicht einmal offenes Meer gibt. Um dieses zu erreichen, muss man zunächst etwa eine halbe Stunde heraus fahren.

 

Die Anbindung an einen langen Fluß, den Tevoy River (Dawei River) der unterhalb von Dawei in die Andamanen-See mündet, reicht offensichtlich aus, um sich mit dem Namen Hafenstadt schmücken zu dürfen. Seis drum.

 

Die großen Flüsse in Myanmar werden als Hauptverkehrsader genutzt. Vorwiegend für den Transport von Gütern aber auch von Personen. Irgendwie einleuchtend, muss doch ein Fluss nicht geteert werden. Außerdem bilden sich keine Schlaglöcher. So etwas wie Feierabendverkehr kennt er nicht, er muss noch nicht einmal angelegt werden. Ein Fluss ist einfach da und braucht nur genutzt zu werden. Geile Nummer!

Nach eigener Herleitung dieser schlagkräftigen Argumentenkette fällt mir die Anerkennung des Zusatzes 'Hafenstadt' jetzt im Nachhinein auch leichter.

 

Der Tevoy River ist rund um die Stadt recht schlammig und gelb. Der Verlockung uns hier erstmalig zu Wasser zu lassen konnten wir also zwangsweise widerstehen. Aber unsere Neugierde war geweckt. Wenn es doch in erreichbarer Entfernung das offene Meer gibt, dann muss man dort doch auch schwimmen können.

Nach kurzer Recherche durch die Reiseleitung (Hi) wurde unsere Idee bestätigt: Der Strand Maungmagan, am gleichnamigen Ort zu finden, wird als 'gut besucht' beschrieben. Die Städter die es sich leisten können fahren am Wochenende hierher um auszuspannen - und sogar ein Resort gibt es da.

 

Am nächsten Morgen mieteten wir uns also ein Moped und machten uns auf den geteerten Weg (mit Schlaglöchern) in Richtung Strand.

Kurze Eingewöhnungsphase in das Verkehrsgewusel dieser Stadt. Die Menge an Autos ist überschaubar. Die Menge an Mopeds eher nicht.

Gefühlt kommen auf einen Einwohner zirka 2-3 Mopeds. OK.. ich übertreibe jetzt etwas. Aber der Großteil dieser Stadt bewegt sich definitiv auf dem motorisierten Zweirad fort. Gern auch mit der ganzen Familie. Vater fährt, dahinter sitzt die kleine Tochter, dahinter die Mutter. Vor dem Vater im Fußraum wahlweise der Hund oder halt der kleine Bruder. Stehend, am Lenker festgehalten. Kein seltener Anblick in Myanmar.

Ich sehe viel potenzielle Arbeit für ein deutsches Jugendamt. Massenweise Kindesentzug wegen sich täglich wiederholender Verletzung der Fürsorgepflicht. In der Regel geht ja alles gut.

 

Etwa eine halbe Stunde später, wir haben inzwischen den Ort Maungmagan durchfahren, werden wir fündig: Sand, offenes Meer, Palmen, Fischerboote. Im Prinzip all das, wonach wir gesucht hatten.

Ich stelle das Moped ab. Meine Freundin und ich schauen uns an, wir brauchen nicht zu sprechen.

 

Dieser Strand ist nicht der Strand den wir beide im Kopf hatten. Dieser Strand ist weit entfernt von dem Strand, den wir uns schon seit Tagen herbei sehnen, um uns endlich ausgiebig im kalten Nass zu erfrischen. Dieser Strand wirkt auf uns wie der Ballermann 6 unter den burmesischen Stränden. Nur dass der Strand in Spanien, abgesehen von den vielen Gästen etc., tatsächlich zum verweilen einlädt.

 

Dieser Strand, augenscheinlich gerade bei niedriger Tide, ist dunkel und schlammig - aber dafür wenigstens liebevoll mit viel Plastikmüll dekoriert. Das Wasser undurchsichtig gelb-braun, die Fischerboote liegen auf dem Schlamm. Nein hier werden wir uns sicher nicht entspannt hinlegen. Unser tiefes Verlangen nach einem Sprung in den Ozean stecken wir ein weiteres Mal zurück.

 

Wir schlendern die staubige 'Promenade' entlang. Dank der umliegenden Palmen ist es weitgehend schattig. Ein Kaffee reiht sich an das Nächste, unterbrochen von kleinen Lädchen die kitschige T-Shirts, Stoffkleider und kleine Souveniers anbieten. Viele bunte Sonnenschirme flankieren den Sandweg.

Auf der gegenüberliegenden Seite hocken Einheimische im Schatten, bei ihnen gibt es örtliche Köstlichkeiten zu erwerben. Unter hygienischen Umständen, die vermutlich nur burmesische Mägen verkraften.

 

 

Fast ungewollt stolpern wir am Ende des Weges in eine kleine Siedlung. Ich komme mir störend vor. Hier wohnen die Ärmsten der Armen. Fischersleute und ihre Familien, in einfachsten Bambus Verschlägen. Alle sind beschäftigt, Netze säubern und für den nächsten Tag vorbereiten. Nebenan wird der letzte Fang nach Größe und Art sortiert. Wieder eine Hütte weiter hocken Hausfrauen und bereiten Essen zu.

Zwischendrin spielen Kinder mit zerrissenen Klamotten. Ihre Gesichter sind teils so schmutzig, als hätten sie seit Tagen kein sauberes Wasser mehr berührt.

Und wieder muss ich ans deutsche Jugendamt denken, was bei diesen Umfang der Verwahrlosung eine Menge Arbeit hätte. Aber diesen Kindern geht es gut. Augenscheinlich. Sie lachen ausgelassen, ärgern sich gegenseitig.

 

Die Neugierde siegt über das subjektive Störungsgefühl. Mein fotobegeistertes Auge entdeckt Motive über Motive. Szenerien, die jeden Betrachter in großes Staunen versetzen würden, noch dazu habe ich die nötige Ausrüstung mit meiner Spiegelreflexkamera im Rucksack. Eigentlich also beste Voraussetzungen hier eine ausgiebige 'Fotosession' einzulegen.

Aber etwas hemmt mich. Ohne dass die Erwachsenen uns besondere Aufmerksamkeit schenken, haben sie uns längst bemerkt. Sie vermeiden direkten Augenkontakt. Ist es Demut? Ist es Scham? Oder Angst?

 

Erst als wir vorbei sind bemerke ich im Augenwinkel musternde Blicke. Manche tuscheln, andere kiechern. Ich kann es nicht. Ich kann nicht meine Spiegelreflexkamera, die sicher einem mehrfachen Jahresverdienst dieser Fischer entspricht, in die Hand nehmen und ihnen direkt ins Gesicht halten. Viele dieser Menschen haben möglicherweise überhaupt keinen „Verdienst“. Sie kämpfen Tag für Tag ums Überleben. Gehen fischen, reinigen Boote und Netze, bereiten ihr Essen zu (Reis, Gemüse, Fisch), bei gutem Fang verkaufen sie Fische an ein örtliches Restaurant. Tag ein, Tag aus. Sie fahren nicht in den Urlaub, verlassen kaum ihr Dorf und Luxusdinge wie digitale Kameras verstehen sie nicht.

 

Es ist nicht so, dass wir uns hier unsicher fühlen. Im Gegenteil, die Überzahl der Burmesen sind friedlich, bescheiden und glauben an Karma. Niemand würde hier versuchen mir den Besitz meiner Kamera strittig zu machen, oder Geld für Fotos zu fordern. Dafür waren einfach bislang zu wenig Touristen hier. Zu groß ist die Unsicherheit und der Respekt dieser Leute.

 

Ich könnte fragen. Auch wenn man mich nicht verstehen würde könnte ich auf meine Kamera zeigen und dann auf die Person und fragen „OK?“

Und vermutlich wäre es für die Menschen sogar in Ordnung. Vielleicht würden sie nicht (wie ich befürchte) denken, dass ich ihr Elend fotografieren will. Vielleicht freuen sie sich sogar, weil ein Tourist in ihre Siedlung kommt und sich für sie interessiert, nicht vorher umdreht um ihre Armut nicht sehen zu müssen.

Ich weiß es nicht. In dem Moment in dem ich sie vorher um Erlaubnis fragen würde, wäre die Authentizität ohnehin zerstört. Die meisten Menschen verhalten sich anders wenn sie wissen, dass eine Kamera auf sie gerichtet ist.

 

Nach ein paar Minuten zwischen den Hütten gebe ich mir einen Ruck. Zumindest diese riesigen Muscheln auf dem Tisch muss ich fotografieren. Ich habe ein Weitwinkel aufgeschnallt, damit kann ich ohne aufdringlich zu wirken sogar die Einwohner im Hintergrund mit ablichten.

 

Die Kinder hingegen nehmen es leichter. Wie Kinder eben so sind. Auch sie haben uns gleich bemerkt. „Hellooo! Helloooo!“ ..rufen sie uns strahlend entgegen. Wir sind spannend. Sie spielen weiter, versuchen aber irgendwie unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wir merken es daran, dass sie uns quasi spielend durch die Siedlung begleiten. Während der eine dem anderen lachend in den Bauch boxt, guckt er uns stolz an.

Als wolle er uns zeigen, dass er hier der Boss unter den kleinen Rabauken ist.Mingalabaaa“ ..wir grüßen zurück. Sie freuen sich, dass wir 'ihre Sprache sprechen'. Das Eis ist gebrochen. Etwas abseits der Hütten traue ich mich jetzt auch ein schnelles Foto der Jungs zu machen, es scheint Okay für sie zu sein.

 

Die restlichen Eindrücke müssen wir in unseren Köpfen speichern. Was mir auf Dauer eher mäßig gelingt – deshalb fotografiere ich so gerne.

 

Wir verlassen die Siedlung wieder in Richtung Promenade. Nach einem Käffchen im Schatten setzen wir unseren Ausflug auf dem Moped fort.

Am Meer entlang, die Straße in Richtung Süden. An einer Schule machen wir erneut Halt. Schnell werden wir entdeckt. Die eben noch spielenden Kinder versammeln sich binnen Sekunden neugierig an der Mauer zur Straße. Der Pausenhof - eben noch ein wuselnder Ameisenhaufen - wirkt jetzt wie leergefegt.

Die Kinder strahlen. Manche verstecken sich schüchtern hintereinander. Hier fällt es mir deutlich leichter ein paar Bilder zu machen. Bevor jetzt die restlichen 20% der Schüler noch in unsere Richtung stürmen, verlassen wir den Ort wieder.

 

Eine Stunde fahren wir noch weiter in Richtung Süden. Die Straße macht eine spürbare Wandlung durch. Teer wird zu Sand. Sand bekommt Schlaglöcher. Viele Schlaglöcher. Wir durchfahren ein wahres Schlaglöchermeer.

Weit und breit ist kein Zugang zum Meer zu sehen. Die Gewissheit, nicht weit vom nassen Glück entfernt zu sein, schafft dem zunehmenden Schmerz unserer stoßgeplagten Hinterteile leider keine Abhilfe. Nach weiteren 10 Minuten Schritttempo durch losen Sand und bremsende Schlaglöcher, entscheiden wir uns dann ermattet für den Rückzug.

Die Operation 'Badehose' wird für heute auf Eis gelegt - aber dieser Kampf ist noch nicht ausgefochten.

 

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